Ich überschreite gerne Grenzen. Grenzen, die ich plötzlich in mir wahrnehme und vorher vielleicht noch gar nicht kannte. Das gibt mir ein Hochgefühl und lässt mich lebendig sein. Letzte Woche waren wir alle im Urlaub in den Bergen. Wir haben sehr bewusst das Konträrprogramm zur Uckermark gesucht und außerdem wollten wir es noch nutzen, dass Roan noch so fit ist und kleinere Bergtouren kein Problem sind.  Unser gemütliches Ferienhaus in Tschechien (inklusive sehr niedlicher mäuseriger Mitbewohnerin) stand am Ende eines Weges und wurde teilweise umrahmt von Pferden auf einer Koppel. Es war sehr idyllisch. Fast täglich machten wir Wanderungen. Entweder zu viert oder nur Minah und ich. Einer dieser Tage wird mir besonders im Gedächtnis bleiben. Aus meinem tollen Reisebuch (Wandern mit Hund. Elbstandsteingebirge. Franziska Rößner.) suchte ich eine Tour raus. Dort gibt es drei verschiedene Schwierigkeitsgrade. Da Uli gesundheitlich nicht so gut drauf war und Roan einen Ruhetag machen sollte (Ich denke unnötigerweise, aber sicher ist sicher.), plante ich nur für Minah und mich etwas. Mich lachte eine Tour mit dem höchsten Schwierigkeitgrad an. Wenn ich schonmal seltenerweise im Gebirge bin…

Also ging es am Morgen los. Es regnete in der Nacht zuvor, so dass es nun sehr diesig war. Ich mochte diese Stimmung sehr. Wir fuhren auf einen Wanderparkplatz (Neumannmühle) und als wir losmarschierten und in eine völlig andere Richtung gingen, als die anderen wenigen Menschen, freute ich mich. Die Sternenfee und ich – ganz allein in der Natur. Zwei Stunden lang liefen wir zwischen märchenhaften Felsen und Bäumen und ich war sehr überwältigt von dieser Schönheit. Je weiter wir in die Schlucht hineinkamen, desto schmaler und trittunsicherer wurde unser Weg. Irgendwann waren wir am Fuße eines Berges. Es ging sehr steil nach oben und sehr bald benötigte man auch seine Hände um vorwärts zu kommen. Wir gingen nicht. Wir kletterten. Es wurde immer steiler und höher und durch den nächtlichen Regen und dem ganzen Laub, rutschte ich recht häufig aus. Minah hatte damit gar kein Problem und fand es wohl blöd, ständig auf mich warten zu müssen. Nach der Hälfte des Berges brauchte ich eine Pause. Mein Herz schlug vor Anstrengung wie wild, während Minah unglaublich leichtfüßig von Stein zu Stein hüpfte und ein breites Grinsen im Gesicht hatte. Als ich da so saß  – am Abgrund – wurde mir erst klar, wie leichtsinnig das war, was ich gerade tat. Seit Stunden hatte ich niemanden mehr gesehen. Ich war völlig berg-unerfahren und ich war allein und ohne Handyempfang. Zurück konnten wir aber auch nicht mehr, weil es bergab wahrscheinlich noch gefährlicher gewesen wäre. Also ging es weiter und weiter über Felsplatten. Die Griffe, die im Wanderbuch beschrieben sind, gab es wohl schon länger nicht mehr. 😉 Ich war voller Adrenalin und obwohl es extrem anstrengend war, wollte ich nirgendwo anders sein als dort. Diese direkte Auseinandersetzung mit der eigenen Körperlichkeit und diesem Berg, den ich unbedingt bezwingen wollte, gab mir unheimlich viel Kraft. Ich hielt oft inne und genoss den Ausblick ins Tal. Es war so unglaublich leise und friedlich dort oben. Und in dieser Stille entdeckte ich auch wieder die Stille in mir und konnte freier atmen denn je.

Als wir oben ankamen, war das wie ein Fest. Ich hatte es tatsächlich geschafft. Für viele mag dieser Aufstieg vielleicht lächerlich sein, aber meine persönliche Wohlfühl-Grenze hatte ich deutlich überschritten. Oben liefen wir durch einen gruseligen, dunklen, aber sehr schönen Wald. Vorbei an einem berühmten Grab (Krinitzgrab) erreichten wir  die große Richtergrotte, die sehr beeindruckend war. Hinab ging es zum Glück weniger steil. Dennoch fiel ich zweimal hin, weil das nasse Laub alles so rutschig machte. Minah freute sich ihres Lebens und hatte wahrscheinlich den schönsten Tag des Jahres. Ich hatte sie dort nochmal von einer ganz anderen Seite kennenlernen können. Meine kleine Bergziege.

Im Tal verliefen wir uns dann auch noch, was aber aufgrund der guten Ausschilderung dort nicht weiter schlimm war. Nach und nach trafen wir auch wieder auf einige andere Menschen. Nach 3 zusätzlichen Kilometern kamen wir dann am Auto an und fuhren zurück zum Ferienhaus, wo schon Uli und Roan etwas beunruhigt auf uns warteten. Am nächsten Tag tat mir zwar alles weh und ich hatte diverse blaue Flecken, aber ich schwelgte auf einer Wolke der Euphorie. Minah schlief in der Nacht kuschelnd auf meinem Bauch ein. Zum ersten Mal überhaupt. Es ist eines der schönsten Gefühle, wenn jemand glücklich ist, weil er dich hat. Und ich glaube, sie war an dem Abend sehr glücklich darüber.

Die anderen Wanderungen waren zwar nicht ganz so gefährlich (zum Glück), aber auch nicht weniger schön. Wir waren sowohl in der sächsischen Schweiz, als auch in der böhmischen unterwegs, mieden die typischen Touristen-Wege, genossen viele schöne Ausblicke, zum Beispiel vom Gipfel der „Hohen Liebe“ oder vom „kleinen Prebischtor“. Als Flachländerin, war das alles so neu und beeindruckend für mich, dass ich gerne noch eine weitere Woche geblieben wäre. Uli fand es auch sehr schön – auch wenn er gesundheitlich noch etwas eingeschränkt war und nicht ganz so viel wandern konnte, wie er wollte.

Roan kraxelte genauso wild über alle Steine und Treppen wie Minah und war etwas genervt davon, wenn ich ihn zurückhielt. Die leichten Touren aus dem Buch waren perfekt für ihn und er hatte richtig viel Spaß, vor allem, wenn wir Wildspuren in den Wäldern kreuzten. Es machte mich glücklich, ihn so lebendig und bollerig zu sehen. Am 31.10. feierten wir dann seinen Geburtstag, so, wie er es am liebsten hat. Den ganzen Tag mit uns zusammen. Viel Zeit in der Natur. Und das Wichtigste: Eine köstliche Geburtstagstorte. 😉 Nun ist mein kleiner Spatz schon 14 Jahre alt und ich bin unheimlich dankbar dafür, dass es ihm so blendend geht.

Nun sind wir wieder zu Hause und arbeiten gehe ich auch wieder seit einer Woche. Obwohl es mir wie immer etwas schwerfällt, zurück in den Alltag hinüberzugleiten ohne mich zu langweilen, war es eine gute Woche. Zwar anstrengend, aber auch sehr bereichernd. Und eine Schülerin hat mir ein kleines Glas selbstgemachte Marmelade geschenkt. Einfach so. Das fand ich total lieb.

Im Moment bin ich sehr emotional und schnell ergriffen. Von allem. Weine vor Freude und vor Traurigkeit. Ich denke daran, wie ich einsam im Nebel auf diesem Berg mit Minah saß und werde ganz melancholisch und danbkbar. Ich denke daran, welch ein Wunder es ist, dass ein bestimmer Mensch und ich uns so unglaublich nah sind, obwohl wir stets dafür sorgen uns ja nicht zu nahe zu kommen, und bekomme Gänsehaut. Früher fand ich solche Phasen unangenehm. Mittlerweile lasse ich sie gerne zu, denn sie zeigen mir, wie großartig alle Facetten meines Lebens sind und wie wichtig. Und dadurch, dass ich sie einfach zulasse, willkommen heiße und als einen Teil von mir wertschätze, geht es mir gut mit ihnen.

Übrigens haben Minah und ich uns vor unserem Urlaub mit ihrem Bruder Bugi getroffen. Das war sehr schön und interessant und ich mag ihn und sein Herrchen sehr gern. Wir treffen uns bestimmt nochmal. Die Parallelen und Unterschiede zwischen den Geschwistern sind wirklich spannend.