Eine Woche Uckermark. Eine Woche weg sein.  Eine Woche nur für mich (und die Fellnasen).

Dem aufmerksamen Leser (und den Leserinnen) mag nicht entgangen sein, dass ich schon sehr lange nicht mehr geschrieben habe. Genauso lange habe ich auch nicht mehr fotografiert. Meine Lieblingsband genossen. Oder dilettantisch versucht an meinem E-Piano zu spielen.

Es ist nichts allgemein Schockierendes passiert. Niemand ist gestorben. Niemand ist krank. Niemand hat sich getrennt…

Jedoch wurde mir Anfang August eine Art Schatz geraubt. Etwas, das mich für lange Zeit durch weniger schöne Tage getragen hat. Eine Sache, die sich mehr in Gedanken, Chancen und Träumen niederschlug als im Handeln. Und scheinbar hat mich das mehr aus der Bahn geworfen, als ich es mir selbst zugestehen wollte. Es ist eine sehr komplexe Geschichte, die sich fast durch ein Jahrzehnt schleicht, mein Leben immer und immer wieder berührt. Diese Geschichte hat im August eine völlig unerwartete Wendung genommen und leider versuchte ich mich an dem alten Zustand festzuhalten. Doch wenn man etwas festhält, kann es sich nicht bewegen. Also hab ich versucht loszulassen, was mir kaum gelang. Diese Geschichte ist noch lange nicht an ihrem Ende und ich weiß nicht wohin sie sich bewegen wird. Also warte ich ab bis ich 80 bin, um sie zu erzählen. 😉

Es dauerte eine Weile, bis ich verstand, was das mit mir machte. Bis ich meine merkwürdige Stimmung darauf bezog. Alles war grau. Schöne Dinge. Hässliche Dinge. Vom einen zum anderen Tag ging mir nichts mehr nahe und jede Woche flog bedeutungslos an mir vorbei. Ich traf für mich eher untypische Entscheidungen, die einige liebe Menschen irritierten. Entweder war ich irgendwie nichts oder ich war wütend, weil ich meinen doch recht ausgeprägten Enthusiasmus verloren hatte. In den Sommerferien gab es ganze drei Tage, die ich als wirklich schön empfand. Zwei davon verbrachte ich mit meiner lieben Jennifer. Durch die etlichen Gespräche wusste sie, was passiert war und gab mir, was ich brauchte. Jemanden, der mich versteht, der die richtigen Worte findet, der mich nicht davon überzeugen will, was richtig und was falsch ist und der dennoch nicht müde wird, mir seine Meinung zu sagen. Ich bin mir gar nicht sicher, ob sie weiß, welche große Rolle sie in den letzten Wochen für mich spielte.

Den dritten Tag hat Minah zu einem schönen gemacht. Dunja, aus meinem Hundesportverein überzeugte mich mit der Sternenfee die BH auf unserem Platz zu machen. In der Zeit bis dahin zweifelte ich immer wieder, warum ich mir diese Schmach antun solle. Minah und die Halsbandkontrolle… Minah und das morgendlich nasse Gras an ihrem Bäuchlein… Minah und der Verkehrsteil… Ich sah kaum Chancen das glatt über die Bühne zu bringen, aber Dunja nahm immer wieder den richtigen Schwung, um mir in den Allerwertesten zu treten.

An dem Abend vor der Prüfung entdeckten Katrin aus unserem Verein und ich, dass der Rasen auf dem Platz nicht gemäht wurde. Wenn Minah kitzelndes Gras an ihrem Bauch spürt, bleibt sie immer stehen und beschnuppert sich. Um dieses Risiko zu minimieren, musste also der Rasen kurz sein. Da der Mähtraktor unserer Vermieter nicht funktionstüchtig war, mussten wir das Problem anderweitig lösen. Am Ende mähten Katrin und ich das Laufschema in den Rasen unter strömendem Regen und Blitzen. Definitiv so gefährlich wie auch unvergesslich.

Am nächsten Morgen stand dann die Prüfung bei Angelika Robaczek an. Ich war sehr nervös und dankbar, dass ich die erste war. Die Halsbandkontrolle war so unschön wie ich vermutet hatte, aber zum Glück zeigt Minah bei so etwas ja keine Aggression, sondern nimmt ihre Meidehaltung ein.

Und der Platzteil – was soll ich sagen – der lief super. Sie lief viel besser als im Training, welches sie zu langweilen schien. Minah hing nur einmal kurz, als wir direkt auf die Richterin zugingen. Eigentlich machte sie alles richtig – nicht unbedingt perfekt gerade und manchmal war auch das Näschen auf dem Boden – aber sie machte es. Wir bestanden den Platzteil mit einer sehr guten Leistung und ich freute mich unheimlich doll. Dunja mit ihrem „weißen Hund“ Fozzy lief so souverän, dass mir das viel Sicherheit bei der Ablage gab.

Meine große Freude wurde ein wenig getrübt, als die folgenden vier Prüflinge leider nicht bestanden. Aber von manchem weiß ich, dass er es beim nächsten Anlauf geschafft hat. 🙂

Beim Platzteil hatten wir sehr viel Glück. Ich hatte die Befürchtung, wir könnten zum nahe gelegenen Parkplatz fahren, wo gerade eine große Baustelle ist. Aber wir blieben in Platznähe. Auto, Fahrrad, Jogger und anderer Hund waren alles kein Problem. Beim Anbinden und weggehen fiepte sie kurz auf. Nicht weiter schlimm, aber völlig neu für sie. Wie das häufig so ist bei Prüfungen…

Jedenfalls bestanden wir die Prüfung unerwartet gut und ich war mächtig stolz auf meine kleine ungarische Schisserin.

Ich bin Dunja, Katrin und natürlich der Richterin sehr dankbar – ohne diese tollen Frauen, hätten wir die BH nicht bestanden und ich wär auch nie auf die Idee gekommen, so etwas noch nicht einmal zwei Jahre nach ihrer Ankunft bei uns anzugehen.

Das war es aber auch schon an Erlebnissen in den Sommerferien. Geplante Reisen fanden aus verschiedenen Gründen nicht statt, was aus meiner kleinen Lethargie eine Traurigkeit werden ließ. Vor allem, dass ich Britta und meine Patentochter nicht besuchen konnte, setzte mir ganz schön zu.

Die als völlig nutzlos empfundenen Wochen strichen dahin und ich überlegte angestrengt, wie ich wieder ich werden konnte und kam auf sehr untypische Ideen. Zwei davon waren jedoch ganz gut. Die eine war ein Fernstudium zu beginnen und die zweite war meinen 35. Geburtstag mal nicht allein oder zu zweit zu zelebrieren, sondern mit Freunden. So kam es, dass ich mit lieben Menschen erstmalig ins House of Tales ging, was total super war und irgendwann nochmal einen zweiten Besuch folgen lassen wird. Anschließend aßen wir im veganen Restaurant Viasko, welches nun neue Besitzer hat. Das Essen war lecker und die Stimmung war super. Ein richtig schöner Tag.

Mir selbst schenkte ich für die Herbstferien eine Woche Ferienhaus in der Uckermark in Kuhz. Da meine Gedanken fast pausenlos darum kreisten, was ich Anfang August verloren hatte, war ich mir nicht ganz sicher, wie klug es war, tagelang allein zu sein. Implodiere ich, weil ich nicht genug Ablenkung habe oder klärt die Einsamkeit meine Gedanken.

Zum Glück geschah Letzteres.

Wenn ich eine Zeitlang in der Uckermark bin, tritt früher oder später der Tag X ein. Es ist der Tag, an dem alles abfällt. An dem meine Nackenmuskulatur entspannt ist, ich mich dabei erwische, wie ich zwischendurch scheinbar grundlos lächle, ich keine Pläne mache, die mich gehetzt werden lassen, an dem ich eins werde, mit der uckermärkisch en Langsamkeit, während ich in Prenzlau an einer Supermarktkasse stehe (ALLES geht hier langsamer vonstatten). Tag X, an dem Zeit eine untergeordnete Rolle spielt, in der es egal ist, welches Wetter gerade ist, denn alles wird so akzeptiert und genutzt wie es ist. Ein Tag, an dem ich mit Freude in meine Zukunft sehe und dennoch das Hier und Jetzt genieße.

Ich hatte die Befürchtung, dieser Tag würde nicht kommen. Zu lange hatte ich mich in schrecklicher Lethargie und Undankbarkeit gesuhlt. Manchmal erreiche ich diesen wunderbaren Punkt schon nach einigen Stunden und manchmal nach ungefähr drei Tagen. Diesmal war es an Tag 5 so weit. Es geschah mitten in der kleinen Heide nahe Prenzlau. Ein kleines Feld-Wald-Gebiet, das eigentlich für meinen Geschmack zu klein und zu aufgeräumt ist. Dennoch zieht es mich immer wieder dorthin. Ich mag den Waldfriedhof, die alten Bäume, den Blick über die Felder und dass ich trotz Stadtnähe fast nie einen Menschen dort treffe. Ich saß auf einer Bank und knuddelte den Bollerkopp als es plötzlich da war: Das vollkommen entspannte Lächeln. Es ging mir gut. Richtig gut. Nicht dieses Gut, das mir ein paar angenehme Stunden am Tag verhieß und dann wieder verschwinden würde um mich abermals der Dumpfheit des Seins auszusetzen.

Nein, es ging mir richtig gut. Ich fuhr mit den Hunden wieder zum Ferienhaus, setzte mich in die rar vorhandene Oktobersonne und genoss dieses Gefühl, dass ich viel zu lange vermisst hatte. Das Gefühl des Vertrauens, dass alles wieder gut wird und eigentlich schon ganz viel bereits gut ist. Nicht machen, sondern einfach sein. Die Sonne wärmte mehr meine Seele als meinen Körper und die tatsächliche Akzeptanz dessen, was im August geschah, wurde größer und größer.

Es ist ein großer Unterschied, ob man weiß, dass man ein schönes Leben führt oder ob man es tatsächlich spürt.

Ich konnte mich sogar wieder auf Berlin freuen. Auf meinen wunderbaren Ehemann, die erste heiße Badewanne nach meiner Ankunft, die Möbelkataloge auf meinem Nachttisch, in denen ich bereits jetzt nach schönen Dingen für mein zukünftiges Haus in der Uckermark stöbere und auf meine Klasse. Meine Klasse, bei der ich in den vergangenen zwei Monaten viel zu wenig wertgeschätzt habe, wie gut alles läuft und wie bereichernd es ist ein Teil des Lebens dieser großartigen Kinder zu sein.

Ich hatte die Uckermark auch vor diesem Tag genossen. Ich saß jeden Morgen mit den Hunden am Bootssteg und schloss die Augen. Ich hörte die Bäume rauschen, hier und da ein Plätschern, die Kraniche und Gänse, die über uns Richtung Süden zogen, ein Wiehern auf der gegenüberliegenden Uferseite. Wenn ich Glück hatte spürte ich die Sonne im Gesicht. Doch wenn Tag X eingetreten ist, nehme ich alles noch intensiver wahr. Noch sinnlicher. Der Blick auf die Dinge verändert sich. Man sieht nicht nur Laub, sondern viele verschiedenfarbige Blätter die eine hübsche Komposition bilden. Man sieht nicht nur zwei Enten auf dem Kuhzer See, sondern fühlt sich eins mit ihnen – wir, die wir uns gegenseitig ansehen, zusammen im Glitzern des Sees aufgehen und nirgendwo anders sein wollen. Und auch die Avocado schmeckt plötzlich viel leckerer als vor Tag X.

So erübrigt sich auch eine der beiden Fragen, die mir häufig gestellt werden, wenn ich hier bin. Sie lautet: „Langweilst du dich nicht, so ganz allein?“ Nein, das tue ich nicht. Zum einen fühle ich mich in dieser Woche nicht allein, weil ich nicht wirklich allein bin. Meine beiden Hunde geben mir alles an Gemeinschaft, was ich in dieser Zeit brauche. Wir machen das Gleiche, erkunden das Gleiche und kommunizieren über das Gleiche. Jeder Mensch, der ungeplant dazu kommt, was einmal der Fall war, stellt einen ziemlichen Störfaktor dar. Nur zögerlich fuhr ich einmal in die Stadt – gezwungenermaßen, da der Kühlschrank leer war. Und sollte ich doch mal meine Gedanken oder Eindrücke mit anderen Menschen teilen wollen, bleibt mir immer noch Facebook. 😉 Langeweile empfinde ich mittlerweile auch als nichts Schlechtes mehr. Als unterbeschäftigte Jugendliche auf dem Dorf hab ich sie sehr gefürchtet. Sie ist doch eigentlich nur die Abwesenheit eines konkreten Ziels. Wahrzunehmen gibt es hier in der Uckermark immer etwas. So war ich etwas überrascht, wie lange ich einer Singdrossel dabei zusah, wie sie im Garten nach Futter suchte. Meine Beobachtung hatte kein Ziel, aber das brauchte sie auch nicht. Es war einfach schön. Diesen Genuss von Ziellosigkeit erlebe ich woanders kaum. Ich weiß nicht warum.

Die zweite Frage, die mir immer wieder gestellt wird lautet, ob ich denn keine Angst hätte. So ganz allein in einem Haus am See. Kein Nachbar in unmittelbarer Nähe. Nun ja… ich achte schon darauf, dass abends die Tür verschlossen ist und die Außenjalousien runtergelassen sind. Und einen Horrorfilm würde ich vor dem Schlafengehen auch nicht unbedingt empfehlen.

Aber tatsächliche Angst habe ich nicht. Zumal ich zwei Hunde habe. Während Roan zwar anschlägt, aber dann freudig auf fremde Besucher zugeht, zeigt Minah sehr deutlich, dass sie niemanden an mich heranlassen würde, wenn ich ihr Tun nicht unterbinde. Bei einer Wanderung hat das mal einen Mann, der mir ein sehr ungutes Bauchgefühl bescherte, davon abgehalten weiter auf uns zuzugehen. Was in der Stadt mitunter anstrengend werden könnte, führt hier dazu, dass ich mich noch sicherer fühle. Alles hat zwei Seiten.   

So konnte ich sehr gelassen die übrigen Tage in meiner Herzheimat genießen. Die Weite, die Stille, vor allem den See und die Wälder, die das Unwetter vor einigen Wochen teilweise sehr radikal verändert hat. Am Abend besuchten uns die Rehe am Ferienhaus und kauten genüsslich das Fallobst und plötzlich war auch endlich wieder der Impuls da Fotos zu machen.

Einen Tag vor meiner Abreise freute ich mich sogar wieder darauf auf einen Mitmenschen zu treffen. Ich besuchte Kathrin in Wollin. Wir liefen mit den Hunden durch den strömenden Regen und ich genoss die Gespräche mit Kathrin und den Anblick ihrer Windhunde sehr. Sie gab mir eine wunderhübsche Kette für Minah mit auf den Weg. Eine echte Sternenfee braucht schließlich auch eine Halskette. Völlig durchnässt freute ich mich dann auf meine heiße Suppe im Ferienhaus und den Blick durch das Panoramafenster, so dass ich die Sonne ein letztes Mal untergehen sehen konnte.

Ich liebe die Uckermark wirklich sehr, ohne dass ich sie verkläre. Mir sind viele Problematiken dort bekannt – ähnliche habe ich ja bereits in meinem Geburtsort in Meck-Pom erlebt. Doch nichtsdestotrotz fühle ich mich nirgendwo so heimisch wie dort. Bin ich so sehr bei mir wie dort.

Ich hoffe, dieses Gefühl hallt die nächsten Wochen noch etwas nach.