Es ist mal wieder lange nach Mitternacht und ich müsste längst in meinen Träumen versunken sein, aber etwas hält mich schon seit zwei Wochen ständig wach. Manchen Menschen hilft es, Tagebuch zu schreiben um einschlafen zu können. Mir hilft es, meinen Blog zu pflegen.

In unserer Wohnung ist es wunderbar still und auch von der Straße hört man nichts. Roan liegt zu meinen Füßen. Minah schlummert in ihrem Körbchen. Und Katze Pauline hat sich auf meinem Rucksack eingerollt. Die Wohnung ist groß, aber sie wollen in meiner Nähe sein und ich versuche mir jetzt mal einzureden, dass es nicht nur so ist, weil auf meinem Schreibtisch etwas Essbares liegt. 😉

Ich liebe diese Stille in der Nacht. Wenn alles, was vorher laut und lebendig war, plötzlich schweigt. Und in der letzten Woche war vieles laut und lebendig. Wie immer, kurz vor den Sommerferien. Die letzten Tage in der Schule bedeuten aber auch, dass ich Jenny, meine Referendarin bald kaum noch sehen werde. Und das macht mich traurig, denn wir haben so viel geteilt. Den Ärger über Situationen in der Schule. Die Panik vor ihrer Prüfung. Die Freude beim Bestehen selbiger. Viele Stunden haben wir zusammen gelacht und konnten herrlich albern miteinander sein. Das wird mir sehr fehlen. Und wir haben uns viel über die Liebe unterhalten. Und über den Unterschied zum Verliebt-Sein. Da gibt es ja auch viel zu sagen.

Es gibt so unendlich viele Bücher, Zeitschriftenartikel oder Blog-Einträge darüber, was die wahre Liebe ausmachen würde und nichts, was ich bisher gelesen oder gehört habe, könnte ich uneingeschränkt unterschreiben.

Ich liebe nicht viele Menschen (und Tiere) und ich denke, dass ich damit nicht allein bin. Das einzige, was diese Geliebten gemeinsam haben ist, dass sie definitiv niemals aus meinem Herzen verschwinden werden. Selbst, wenn ich es wollte. Manche Menschen reden davon, dass Liebe „einschlafen“ kann. So etwas ist mir noch nie passiert.

Doch ansonsten gibt es einige Unterschiede.

Ich habe gelesen, dass „wahre Liebe“ erst mit der Zeit entsteht und wachsen muss und niemals von Anfang an einfach so da ist. Ja, das kenne ich. Die Zuneigung zu Minah wächst und wird zur Liebe. Und als ich meinen Mann kennenlernte, war ich auch erst bis über beide Ohren verliebt, bevor es Liebe wurde. Doch ich kenne auch die schlagartige Art von Liebe, bei der ein erster Blick genügt und man weiß, dass man keine Chance hat, je wieder frei von Liebe für denjenigen zu sein. Die erste Variante ist vielleicht die sicherste, denn man kann ihr, wenn man früh genug agiert, vielleicht noch entkommen. Wenn man das denn möchte. Ich wollte noch nie. 🙂 

Es heißt auch häufig, dass man liebt, wenn man den anderen nicht ändern möchte. Ich weiß nicht… Natürlich akzeptiert man auch die Eigenschaften des Geliebten, die nerven. Aber ist es nicht auch Ausdruck von liebevoller Fürsorge, wenn ich meinen Geliebten davon abbringen möchte zu rauchen? Und kann ich ihn nicht auch lieben und gleichzeitig dazu bringen, mir den Haushalt nicht allein aufzubürden? Immerhin sollte man sich doch auch selbst lieben. Aber da lese ich dann, dass man jemanden liebt, wenn man dessen Bedürfnisse vor die eigenen stellt. Ja, auch das kenne ich. Aber ich finde es nicht gesund für mich. Zumindest nicht als Dauerzustand. Ich möchte eine Beziehung, in der ich Kompromisse eingehen kann und in der ich mich nicht selbst verliere, weil es mir das Wichtigste ist, den anderen glücklich zu machen. Es ist unglaublich erhebend so bedingungslos für jemanden zu empfinden. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass es mir auf Dauer gut tut. (Jede liebende Mutter wird jetzt wohl voller Unverständnis den Kopf schütteln.)

Meiner Meinung nach muss man auch nicht in einer Beziehung bleiben, wenn man liebt. Das Zusammenleben zweier Menschen ist häufig so komplex, dass es für den einen oder für beide keinen glücklichen Ausgang nehmen würde, bliebe man ein Paar. Dennoch kann man sich nach einer Trennung weiter lieben, nur leider wird diese Liebe häufig nicht gelebt, weil der Schmerz dazwischenfunkt. 

Aber das für mich Unpassendste, was ich über die Liebe gelesen habe ist, dass es nur Liebe ist, wenn es sich gut anfühlt. Echt jetzt? Wir in der westlichen Gesellschaft besitzen alle ein Ego. Ein Ego, das man kränken kann. Ein Ego, dass Ängste besitzt. Ein Ego, dass nach Aufmerksamkeit verlangt. Wahrscheinlich würde es uns allen besser gehen, wenn wir dieses Ego ablegen würden. Tun wir aber inder Regel nicht. Und manchmal funkt dieses Ego eben auch in unsere Liebe mit hinein. Dann werden wir traurig, weil wir vom Geliebten keinen Anruf bekommen oder er uns unserer Meinung nach zu wenig Aufmerksamkeit schenkt. Oder Zeit. Oder Zärtlichkeiten. Dann fühlt sich das Lieben nicht mehr gut an. Zugegeben – es präsentiert sich dann auch nicht mehr in seiner Reinform, sondern mischt sich mit den aufdringlichen Ego-Gefühlen. Aber wer besitzt denn das Können da klare Trennungen vorzunehmen? Ich jedenfalls nur im Ausnahmefall. Und selbst wenn es nicht um mein Ego geht… wenn mein geliebter Hund blutend auf dem Tierarzttisch liegt und wimmert, fühlt sich das Lieben auch nicht gut an. Und wenn ein geliebter Mensch Tag um Tag seines Lebens damit verbringt sich über seine Arbeit aufzuregen und ich nicht helfen kann, fühlt sich das ebenfalls nicht gut an.

Ich habe mir oft die Frage gestellt, wann man weiß, dass man liebt. Und auch da gibt es für mich nicht den einen richtigen Moment, der bei allen geliebten Menschen und Tieren eintritt. Bei einem Menschen wusste ich es, als mir klar wurde, dass ich auch ohne ihn leben könnte, aber nicht wollte. Bei einem anderen, als er wieder in mein Leben trat und ich begriff, was mir vor seiner Rückkehr fehlte. Bei einem dritten wusste ich es, als ich ihm das erste Mal in die Augen sah. Bei Roan wurde es mir unter anderem klar, nachdem ich feststellte, dass ich ihn nie wieder hergeben könnte. Bei Renfield wusste ich es, als ich ihn hergab, damit er woanders ein stressfreies Leben führen kann. Doch trotz dieser ganzen Unterschiede, ist es jedes Mal für mich Liebe.

Aber wer weiß. Ich bin jetzt 34 Jahre alt und habe mich noch nie so viel mit der Liebe beschäftigt, wie in den letzten neun Monaten. Einige Ansichten haben sich geändert, vieles ist gleich geblieben. In 30 Jahren werde ich möglicherweise wieder ganz anders darüber denken.

Mir werden jedenfalls die Gespräche mit meiner Jenny über die Liebe sehr fehlen. Aber zum Glück gibt es ja Telefone. 😉