Die letzten Wochen waren voll gepackt mit Spannungen und ich bemerkte, wie sehr ich Schwierigkeiten damit hatte, wieder runterzukommen. Also tat ich heute das einzig Sinnvolle, das man in dieser Situation tun kann: Ab in die Uckermark.

Da Roan bei dieser Hitze nicht so viele Kilometer marschieren mag, saßen wir stundenlang an einem See und ich wurde immer ruhiger und ruhiger. Wenn man nichts weiter hört, als das Rauschen der Bäume, hin und wieder ein Plätschern, ein Muhen aus dem entfernt gelegenen Dorf und das wohlige Schnarchen des Beagles, befindet man sich nach einiger Zeit im lethargischen Müßiggang, egal wie geladen man vorher noch war. Plötzlich ist alles egal – alle Sorgen und alle Bestrebungen hat man in Berlin hinter sich gelassen. Am See zählt nur wenig. Den wunderschönen Greifvogel beobachten, über die vielen Libellen staunen, die Nasen in die kühle Brise halten, Minahs Ohren kraulen und Roan etwas vom Apfel abgeben. Irgendwann schliefen wir alle drei ein. Meine Hunde sind die idealen Ballastabwurf-Partner. Mindestens genauso wie ich, genießen sie die Ruhe und die Weite der uckermärkischen Wälder. Freuen sich ebenso über jeden Käfer den wir finden. Erschrecken sich gemeinsam mit mir über eine 20 Meter (mindestens!) lange Ringelnatter. Rennen mit mir zu jedem erreichbaren Ufer und genießen die Faulenzer-Stunden im Gras. Einen Moment mit allen Sinnen wahrzunehmen, an nichts zu denken, außer an das, was in dieser Sekunde geschieht – darin sind meine Fellfreunde die besten Lehrmeister. 

Aber sie zeigen mir nicht nur die Schönheit des Lebens auf, sondern weisen mich auch auf meine eigenen Entwicklungsprozesse hin. So wunderte ich mich ein wenig darüber, dass ich es kaum würdigte, dass Minah sowohl das vorletzte Turnier in Kremmen, als auch das am letzten Wochenende in Berolina mit jeweils 99 Punkten gewann. Für einen Angsthund wie sie, ist das eine enorme Leistung. Fremde Menschen, Gegenstände und Geräusche verunsichern sie und dennoch arbeitet sie brav an meiner Seite. Es ist nicht so, dass ich mich darüber nicht gefreut hätte, aber etwas anderes lenkte mich zusehends von ihr ab.

Es war die Vergegenwärtigung dessen, dass Roan immer älter wird und uns nicht mehr so viel Zeit bleibt, wie ich es mir wünsche. Morgens rappelt er sich langsamer auf um zur Gassirunde aufzubrechen. Ein Turniertag strenkt ihn merklich mehr an, als es noch vor einem Jahr der Fall war. Er gibt aufgrund seiner Schwerhörigkeit merkwürdige Geräusche von sich oder stellt sich auch einfach in einen Raum und bellt. An Sonnentagen wie heute bewegt er sich zwar erst einmal gern, aber nach 5 Kilometern braucht er eine Pause. Er schläft tiefer und länger als sonst. Das alles sind keine schlimmen Dinge – es ist der Lauf der Zeit und doch fiel es mir in den letzten Monaten schwer, das zu akzeptieren. Erst als ich Minahs letzte RO-Schleife in der Hand hielt, sie mit ihren Kulleraugen vor mir saß und ihr Schwanz hin- und herpeitschte, merkte ich, wie traurig ich eigentlich war, weil mein bester Freund alt wird. Dabei müsste ich dankbar sein, dass er mit seinen 12 Jahren noch so fit und abenteuerlustig ist. Er hat mir so unheimlich viel beigebracht und in seinen letzten Jahren (hoffentlich) wird er mir beibringen, dass das Leben auch mit Einschränkungen lebenswert ist. Dass es allein darauf ankommt, dass ich wie all die Jahre zuvor immer an seiner Seite bin und wir so viele Dinge wie möglich gemeinsam genießen, um ihn eines Tages gehen lassen zu können mit der Überzeugung, dass wir zwei alles getan haben, um das Leben zu feiern. 

Ich hoffe, dass ich das hinbekommen werde, ohne zu oft traurig zu sein. Roan wird mir sicher dabei helfen, auch das zu lernen.

Ständig begegnen uns Menschen und Tiere. Sie kreuzen unsere Wege, bleiben mal etwas länger, mal nur für einen Augenblick. Sie bereichern unser Leben, indem sie uns Lektionen erteilen. Manche tun weh, manche nehmen wir kaum wahr und andere sind wahre Schätze. Alle Hunde in meinem Leben haben mich mindestens eine Großartigkeit gelehrt. Sylvester – der Dackel meiner Eltern hat mir beigebracht, was es bedeutet zu vergeben. Mein erster Hund Picasso hat mir gezeigt, wie groß und bereichernd die Liebe zu einem Tier sein kann. Renfield hat mir eine große Lektion erteilt, wie wichtig und richtig es ist, das was wir lieben, loslassen zu können. Minah lehrt mich mutig zu sein. Ich tue Dinge, die ich vor zwei Jahren niemals gewagt hätte zu tun und ich glaube, dass es ihr Einfluss ist. Roan hat mir Unabhängigkeit, Zuversicht und noch einiges mehr beigebracht. Sie alle waren und sind Weggefährten, ohne die ich nicht der Mensch wäre, der ich jetzt bin. Als soziales Wesen lerne ich nicht nur von meinen Mitmenschen, sondern auch von meinen „Mittieren“. 🙂

Die meisten dieser Lernprozesse setzen völlig unverhofft ein. Im Moment sind es sehr viele und ich denke, dadurch fühle ich mich die letzten Wochen auch so „matschig“. Ich setze mich viel mit den Dingen auseinander, die mir – auch wenn nur für einen kurzen Moment – weh tun. Auch aus ihnen kann ich lernen. Dass Jähzorn Vertrauen im Keim ersticken kann. Dass man den Wert einer Freundschaft nicht anhand von Freundschaftsdiensten messen sollte. Dass man andere nicht für das eigene Zufrieden-Sein verantwortlich machen kann. Dass man als Lehrerin häufig weniger Einfluss nehmen kann, als man es sich wünscht. Dass ich noch lernen muss, geliebten Menschen deutlicher zu zeigen, dass ich für sie da bin – auch wenn bei mir gerade alles brennt. Dass meine Probleme meistens eigentlich gar keine Probleme sind. Dass ich nicht überheblich werden sollte, wenn ich verunsichert bin.

Durch eine liebe, recht neue Kollegin, habe ich gelernt zu akzeptieren, dass ich in vielen Bereichen anders denke und fühle als mein Kollegium. Vorher fiel es mir schwer das anzunehmen und ich hatte häufiger den Gedanken, dass ich nicht in dieses B erufsbild passe. Durch die Gespräche mit ihr habe ich gelernt zu sein wie ich bin und mich dennoch immer häufiger dazugehörig zu fühlen.

Meine liebe Britta, die mich schon bald die Hälfte meines Lebens begleitet, sorgt gerade dafür, dass ich lerne, was es heißt eine Frau zu sein. Dank ihr trug ich doch tatsächlich vor einigen Wochen ein Kleid. (Oh mein Gott!!!!) 😉

Und der wunderbare Mensch, der vor acht Monaten so viel ungeahnte Seeligkeit in mein Leben brachte und auf wundersame Weise weiterhin bei mir ist, hat mir eindringlich aufgezeigt, wie wichtig die menschliche Intuition sein kann und dass man sein Glück verpassen könnte, wenn man ihr nicht folgt. Und die Angst, dieses Glück eines Tages wieder zu verlieren relativiert sich bei dem Gedanken daran, was es in den letzten Monaten für erfüllende Momente geschaffen hat.

So viel ist zu lernen. Am besten konzentriere ich mich darauf, mit Roan und Minah das Leben zu feiern. Der Rest passiert eh nebenbei. 🙂