Intensive Wochen liegen hinter mir. Viel Arbeit, viele Gedanken und viele schlaflose Nächte. Was mich momentan vor allem beschäftigt ist das Thema Mut. Die Bereitschaft ein Wagnis einzugehen. Zwei Hunde leben bei uns, die mit Situationen, die Risiken birgen, völlig unterschiedlich umgehen.

14322652_1171177672957625_7797834138609366483_nDa ist zum einen Roan – der eine sichere, wunderbare Kindheit hatte. Schon als Welpe ließ er sich durch nichts beeindrucken. Er hatte keine Furcht vor lauten Fahrzeugen, vor pöbelnden Menschen, vor aggressiven Hunden, vor Höhe, unbekannten Untergründen, Enge usw… All das war nie Thema und auch heute ist er tiefenentspannt, wenn er in für ihn neue Situationen kommt. Meist ist er sogar begeistert und untersucht alles mit großem Forscherdrang und/oder der Vorstellung etwas Essbares zu finden. 😉 Ich weiß noch nicht einmal, wie er aussieht, wenn er sich fürchtet. Beschwichtigen ja. Aber fürchten?

Und dann ist da Minah. Keine sichere Kindheit. Alles Neue wird mit Argwohn oder Angst betrachtet. Jede neue Kleinigkeit stellt eine mehr oder weniger große Herausforderung dar und somit wird fast jeder Tag zu einer Herausforderung. Manche Ängste überwindet sie, einige von diesen kommen später noch einmal zum Vorschein. 14138063_1148332995242093_4120510482555382390_oDoch der Umgang mit diesen Situationen hat sich sehr geändert. Anfänglich wollte sie flüchten und wenn sie das nicht konnte, rannte sie im Kreis oder von einer Ecke des Zimmers zur nächsten und war nur schwer davon abzubringen. Heute reicht es, wenn ich ihr meine Hand hin halte und sie sich gegen lehnen kann. Dann unterbricht sie diesen Zwang, normalisiert wieder ihre Atmung und legt sich in meine Nähe. Mittlerweile ist jedoch aus der Flucht meist ein Erschrecken geworden, von dem sie sich binnen Sekunden erholt. Nicht immer – aber immer öfter. Draußen zerrt sie kaum noch an der Leine, wenn sie sich gruselt, sondern senkt den Kopf, schaut argwöhnisch in Richtung der potentiellen Gefahrenquelle und läuft Bögen. Immer wieder kann ich beobachten, wie sie mit einem kontrollierenden Blick an etwas eigentlich Angstauslösendem vorbei geht, anschließend ihre Rute kreisen lässt und mich anblinzelt, als wäre sie stolz auf ihren Mut. Ich bin jedenfalls sehr stolz auf sie. Seit einiger Zeit kann sie auch Freundschaften mit anderen Menschen außer Uli und mir eingehen und ich freue mich so sehr für sie.

14517566_1182529701822422_3452622201808876156_nDann gibt es noch unsere Katze Pauline – die sich am Mittwoch mit ihren circa 13 Jahren als Wohnungskatze wie auch immer aus unserer Wohnung entfernt hat und ein 24-Stunden-Abenteuer draußen und im Keller verlebt hat. Ich muss nicht erwähnen, wie sehr ich in Sorge war. Nicht mutig von ihr. Sondern saublöd. 😉

Natürlich ist da noch Uli. Er heiratete mich im September 2008. Alleine das war sehr mutig von ihm. 🙂

Und dann bin da ich. Ich empfinde mich nicht als außerordentlich mutig, denn ich mag das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit. Risiken sind in Ordnung, insofern sie keine emotionalen Verletzungen herbeiführen können. Und so spreche ich – wie die meisten Menschen – nicht immer an, was mich beschäftigt. Der Harmonie wegen, die doch oftmals nur an der Oberfläche zu finden ist, während es im Inneren brodelt. Und wenn das Brodeln Überhand nimmt und man sich plötzlich doch mit Unausgesprochenem konfrontiert sieht, ist man damit häufig überfordert und reagiert unter Umständen sehr unbedacht. Wenn alles gut geht, kommt es zu einem reinigenden Gewitter und indem man dieses gemeinsam überstanden hat, fühlt man sich dem anderen noch näher. Oder die Überforderung ist so groß, dass man sich verletzt fühlt und dieser Verletzung nicht mehr die Möglichkeit gibt zu heilen. Was auch immer geschieht ist abhängig von unserer Lebenserfahrung, unserer seelischen Konstitution und unserer Einstellung uns, anderen Menschen und der Welt gegenüber.

In der Nacht von Samstag zu Sonntag saß ich abends auf unserem Balkon und dachte über mein Leben nach. Wie es mal war und was ich bis jetzt daraus gemacht habe und noch machen will. Mir fiel auf, dass ich nichts tatsächlich bereue. Natürlich habe auch ich Böses erlebt, habe viele Fehler gemacht – habe andere und vor allem mich nicht immer gut behandelt. Aber diese sogenannten Fehler waren wichtige Erfahrungen, die ich brauchte um so zufrieden zu sein, wie ich es bin. Zufriedenheit und Dankbarkeit sind erlernbar.

14212614_1155131451228914_8803425338068159473_nDoch dann fiel mir eine Sache ein, die ich vielleicht doch hätte anders machen können. Etwas, dass ich seit acht Jahren mit mir herumtrage und nie loswurde, so sehr ich auch versuchte es abzuschütteln. In unregelmäßigen Abständen musste ich immer wieder darüber nachdenken, konnte es für mich weder einordnen, noch abhaken, malte mir aus, was geschehen würde, wenn ich mich offenlege und schreckte vor dem Risiko zurück, verletzt zu werden. Nie konnte ich mich überwinden, das auszusprechen, was mir auf der Seele lag. In dieser Nacht entschloss ich mich, es endlich zu tun. Das Risiko von dem entsprechenden Menschen verletzt zu werden empfand ich als ungemein groß. Mit Leichtigkeit hätte er das tun können. Wer mag einem anderen Menschen schon gerne diese Macht über sich geben? Doch nachdem ich mich an diesen Menschen wandt, geschah etwas, das ich mir nie erhofft hatte. Die Reaktion darauf war so derartig liebevoll, dass ich gerade ungemein glücklich bin. Dass mich dieses Glück nun so berauscht, dass ich kaum noch schlafen kann, ist dabei ein unschöner Nebeneffekt, den ich gerne eine zeitlang ertrage.

Unabhängig davon, wie sich die Situation mit diesem Menschen nun entwickeln wird – bis an mein Lebensende werde ich es nicht bereuen, mutig gewesen zu sein, denn so befreit wie jetzt, habe ich mich seit acht Jahren nicht mehr gefühlt. Vielleicht liegt es sogar an Minah, die sich täglich neuen Herausforderungen stellt und mir zeigt, wie wunderbar es ist, mutig zu sein, dass ich mich endlich getraut habe. Ich habe sehr viel für mein zukünftiges Leben aus dieser Woche gelernt. Sicher werde ich auch weiterhin nicht alles aussprechen, was ich denke. Doch wenn mich etwas nicht los lässt, dann wird es auch einen guten Grund dafür geben und dann werde ich nun eher bereit sein, das Wagnis einzugehen mich zu öffnen und darauf zu vertrauen, dass alles gut wird.

In diesem Sinne – seid mutig! 🙂