Minah ist erst seit fünf Tagen bei uns und dennoch bin ich so unheimlich müde, weil so viele neue Eindrücke zu verarbeiten sind. Wie muss es da erst IHR gehen? Die Fortschritte, die sie in diesen wenigen Tagen gemacht hat, sind groß:

Auch wenn es banal klingt: Sie schläft richtig. An Tiefschlaf war am ersten und zweiten Tag nicht zu denken. Jedes noch so kleine Knacken veranlasste sie dazu, aufzustehen und nachzusehen, was das gewesen sein könnte oder sich in Sicherheit zu bringen. Jetzt schläft sie auch mal tief und fest – so wie es sein soll. In der zweiten Nacht bzw. am frühen Morgen hat sie allerdings Roans altes Schaffell zerlegt. 😀

2bSie fürchtet sich nicht mehr vor mir. Bereits am ersten Abend konnte ich sie streicheln, aber wenn ich frontal auf sie zuging, auch ohne sie anzusehen, ging sie mir aus dem Weg. Wenn ich sie von oben herab berührte, zuckte sie zusammen. Jetzt sucht sie Schutz hinter mir, legt mir ihren Kopf in meine Hand zum Streicheln und wird fordernd, wenn ich mit den Kuscheleinheiten aufhöre. Suche ich den Kontakt zu ihr, freut sie sich wie ein Kullerkeks. 😀 Seit vorgestern springt sie mich auch mal zwischendurch an und eine verwegene Spielaufforderung hab ich auch schon bekommen.

Mit Uli haben wir noch einen weiten Weg vor uns. Anfänglich wollte ich, dass er die Handfütterung übernimmt, aber das war nicht gut. Sie traute sich kaum an ihn ran. Füttern scheint eine sehr stressbehaftete Situation für sie zu sein, egal wer sie vornimmt. Sie frisst auch mir zwar aus der Hand, aber in einer Körperhaltung, die auf Flucht ausgerichtet ist, außer Roan steht direkt neben ihr. Zudem pusht sie sich selbst unheimlich hoch, sobald es um Futter geht. Uli wird die Handfütterung also erst wieder übernehmen, wenn Füttern für sie ohne jegliche Assoziation mit Stress abläuft. Nun gehen wir den Weg des Ignorierens und des Aussitzens. Das hat bereits Früchte getragen. Ein paar Mal suchte sie von sich aus Kontakt mit Uli, der den Coolen spielte, obwohl er sich total darüber freute. Beim Auto-Fahren sitzt sie momentan noch vorne zwischen seinen Beinen und döst in wenigen Minuten unter seinen streichelnden Händen ein. Das Gleiche passiert, wenn man sie auf seinen Schoß setzt und sie dort bleiben muss. Wenn sie erstmal bei ihm ist, entspannt sie sich sehr schnell. Aber sie geht diesen engen Kontakt noch nicht von sich aus ein. Da braucht sie eben noch Zeit. Betritt er mein Arbeitszimmer, steht sie nicht mehr jedes Mal auf und verkriecht sich unter dem Schreibtisch, sondern bleibt jetzt auch einfach mal liegen. Gehen wir alle gemeinsam Gassi bezieht sie aber Schreckmomente oft auf ihn. Eine Eichel fällt vom Baum und landet neben ihr: Sie weicht aus und starrt Uli an. Roan ist in seiner Schnupperwelt gelandet und rempelt sie aus Versehen von hinten an: Sie weicht aus und starrt Uli an. Er tut mir ganz schön leid, aber er meistert das toll!

4bZweimal am Tag bekommt sie größere Mahlzeiten, getrennt von Roan. Zum einen, weil sie merklich die Befürchtung hat, jemand könnte ihr etwas wegnehmen/-essen oder sie anderweitig stören und zum anderen, weil Roan in bestimmten Situationen futterneidisch reagiert. Also reduzieren wir den Stress und Roan frisst in der Küche, während Minah in meinem Arbeitszimmer speist. Die morgendliche Mahlzeit bekommt sie seit heute in dem Moment, wenn sie ruhig sitzt und kurz so verharrt. Das war heute „nur“ zwei Sekunden. Auf Dauer erhoffe ich mir zum einen ein ruhigeres Verhalten in Situationen der Futtererwartung und zum anderen generell die Erfahrung, durch Kommunikation (Sitzen + Frauchen angucken) zum Ziel zu kommen, statt durch zielloses Umhergewusel. Die Abendmahlzeit ist Trockenfutter und seit heute wird diese genutzt um mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Mit ausgetrecktem Zeigefinger sitze ich auf meinem Stuhl und sobald der Popo runter geht und sie mich anschaut, gibt es ein Click mit dem Clicker und sofort fliegt das Leckerli. Mal fliegt es weiter weg und dann auch mal dicht an mich heran. So soll sie lernen, auf mich zu achten; erfahren, dass man mit Menschen „arbeiten“ kann und sich das lohnt; dass ein „böses“ plötzliches Klicken auch was ganz Tolles mit sich bringen kann; dass man vereinzelt auch Leckerlis in Frauchens Fußnähe aufnehmen kann, ohne dass das gruselig endet und wie bei der Morgenmahlzeit, dass es das Futter nur gibt, wenn man ruhig agiert. Warum mache ich das mit dem „Sitz“? Zum einen setzt Minah sich immer hin, wenn sie nicht weiter weiß und erstmal nachdenken muss und zum anderen kann sie schon ein bisschen Sitz, zum Beispiel wenn man an Bordsteinkanten stehen bleibt und sich frontal zu ihr stellt. Der Plan ist vorhin aufgegangen. Sie wurde immer ruhiger und konzentrierter, nahm auch mal ein Leckerli, das direkt neben meinem Fuß lag und am Ende setzte sie sich umgehend hin, sobald mein Finger hoch ging und das verbale „Sitz“ erklang. Normalerweise würde ich alles mit einem Handtarget aufbauen, aber ich wollte es mit dem Sitz einführen, weil sie sich dafür zu nichts überwinden muss. Sie kommt zwar, wenn ich ihr meine Hand hinstrecke, aber das Ganze sieht mir zu verhalten und unterwürfig (sie kriecht dann regelrecht auf dem Boden) aus, als dass ich das bestätigen wollen würde. Das Ganze hab ich ungefähr mit der Hälfte des Futters gemacht und den Rest gab es wieder nach kurzem ruhigem Warten.

1bMinah durfte gestern erstmalig ohne Leine laufen. Wir fuhren zu unserem Verein und auf einem eingezäunten Stück machten wir die Leine ab. Das war ein Schauspiel! Sie entfernte sich immer mehr von mir und guckte ungläubig hinter sich, als könne sie es gar nicht fassen. Dann rannte sie freudig zu Roan und über den Platz und grinste über beide Backen. Sie schnupperten beide an den gleichen Stellen und knabberten Gras zusammen. Roan hatte auch sichtlich Spaß daran, mit ihr rumwetzen zu können. Allerdings läuft sie im Galopp echt total unkoordiniert, stolpert über ihre eigenen Pfoten und kann ihre Geschwindigkeit nicht richtig abschätzen, so dass sie dann irgendwo oder in irgendwen reinknallt. Dabei wirkt sie ziemlich welpig. Wenn ich rief, kam sie jedes Mal sofort mit Roan um die Wette gerannt und begriff schnell, dass es dafür ein Leckerchen gibt. Einige Male lief sie dann – motiviert durch Roans Voranpreschen – auf Uli zu und nahm zögerlich ein Leckerchen von ihm. Braves Vorbild-Beaglechen! Sie hatte total viel Spaß und das war unheimlich schön anzusehen. Leider gab es später auf dem Hundeplatz während ich mit Roan trainierte einen unschönen schreckhaften Vorfall mit einem Kind und da Uli daneben saß, bezog sie das gleich wieder auf ihn und fürchtete sich dann wieder stärker vor ihm. Später zu Hause war das dann aber zum Glück wieder vergessen. Toll war auch, dass ich sie ohne Probleme anbinden konnte – auch das ist ja nicht unbedingt selbstverständlich. Die anderen Hunde ignorierte sie weitestgehend und wenn ein Hund Kontakt suchte, zeigte sie sich eher devot.

3bBesuch bekam sie auch schon! Vorgestern kam Nadine zu mir, auf die Minah positiv reagierte und in deren Gegenwart sie auch bald schlafen konnte. Heute kam Nadine dann wieder, nahm allerdings ihre beiden Hunde mit, die ein bisschen rumprotzten. Minah suchte meine Nähe und als ich der Maxi Reiki gab, ging sie in ihr Körbchen. Später beschnupperte sie die zwei interessiert, aber devot. Für mich war das alles vollkommen in Ordnung so.

Da die Reifen meines Autos gewechselt werden mussten, nutzten wir das gleich, um ihr mehrere Männer im Gewerbegebiet zu präsentieren und große LKW. Sie war zwar in manchen Momenten etwas angespannt, aber absolut nicht panisch. Sie hat sich wunderbar an Roan und mir orientiert. Im Auto saß sie wieder bei Uli und genoss die Streicheleinheiten.

Alleine bleiben musste sie auch schon einmal. Dafür bauten wir extra drei Kameravorrichtungen auf und legte alle zerkaubaren Gegenstände hoch. Sie war zwar nicht so entspannt, wie ich es mir für sie wünschen würde und sie fiepte wenige Male ein bisschen, aber sie machte keinen Alarm oder wurde anderweitig panisch. Sie versuchte einmal aus dem Fenster zu gucken, wobei sie die Fernsehantenne runter riss und stupste mehrfach Roan an.

11057450_928379840570744_9032892565143114846_nEine spannende Sache ist mir noch aufgefallen: Sie hat sehr häufig ein Problem damit, Tür- oder Tordurchgänge mit einem Menschen zu durchschreiten. Mit mir zusammen tut sie es zwar meistens, aber ihre Körpersignale sind auf Alarm gestellt. Wenn sie ganz allein durchgeht und der Mensch einen großen Abstand zu ihr hat, ist es hingegen gar kein Problem und sie läuft entspannt durch. Locken – egal ob mit oder ohne Leckerli funktioniert dann nie. Also entweder zieht man sie an der Leine durch, dann tritt auch bald eine Gewöhnung ein (wie bei unserer Haustür) oder man geht weiter voraus ohne stehen zu bleiben, dann folgt sie einem auch (wie bei unserer Wohnungstür). Sie geht seit dem dritten Tag auch sehr gerne spazieren. Wenn ich Roan anziehe, kommt sie auch dazu und lässt sich gerne das Geschirr anziehen. 🙂

So – das war jetzt ungefähr die Hälfte der Sachen, die wir bisher durchlebt haben und vielleicht wird jetzt etwas klarer, warum ich ziemlich platt bin. 🙂 Das Ganze macht aber sehr viel Spaß und es freut mich jeden Tag aufs Neue, wenn Minah wieder ein Stückchen Angst ablegt. Roan unterstützt uns dabei hervorragend. Manchmal, indem er bestimmte Dinge tut und sie diese nachahmt und manchmal auch nur, indem er einfach ist, wie er nunmal ist: Ein unglaublich souveräner Hund, der sich durch kaum etwas aus der Ruhe bringen lässt und das auch deutlich der Minah zeigt. Ohne ihn, wären ihre momentanen Fortschritte mit Sicherheit nicht ganz so groß.