Viele wissen bereits, dass Renfield nicht mehr bei uns lebt und für die meisten kam das sehr überraschend. Fragt mich jemand von Angesicht zu Angesicht wie es dazu kam, antworte ich meist „Die beiden Hunde verstanden sich nicht mehr“.

Vielen reicht diese Begründung, dabei ist das, was hier die letzten Monate passierte bzw. von Anfang an gegeben war, um einiges komplexer und es genügt eigentlich nicht, es damit zu begründen, dass sich zwei unkastrierte Rüden nicht mehr leiden konnten oder Ressourcen verteidigten. Wäre dem so, hätte man durch Kastrationschip, sehr viel Erziehung, Hausstandsregeln, Bewegungseinschränkungen usw. vielleicht irgendwann das Problem lösen können, aber dem war nicht so. Doch ich bin momentan noch nicht in der Lage alle Details zu erzählen. Es tut sehr weh und ich hoffe, dass all unsere Bekannten und Freunde das erstmal so akzeptieren können. Die Problematik entstand entgegen einiger Gerüchte auch nicht von einen Tag auf den anderen. Sie entwickelte sich und die Gegenmaßnahmen griffen nur für einen kurzen Zeitraum und ließen die Situation dann doch zunehmend eskalieren.

Meine beiden Freunde waren immer mehr gestresst, rissen sich merklich zusammen und waren dadurch nur noch gestresster. Beide hörten hervorragend und setzten alles um, was ich ihnen auferlegte. Die Dinge, die passierten, ließen mich extrem an mir selbst zweifeln und ich war so verdammt wütend auf mich, dass ich nicht fähig war, alles so hinzubekommen, dass wir ohne diese gefährlichen Unterbrechungen harmonisch miteinander leben konnten. Mitte des Monats kam es zu einer Eskalation, die ich trotz jahrelanger Hundeerfahrung so noch nie gesehen hatte. Auslöser, Ablauf und anschließende Reaktionen seitens Renfield hatte ich so noch nie erlebt und erschreckten mich und andere sehr. Nach unzähligen Stunden am Telefon und am Rechner begriff ich sehr bald, dass wir nicht die einzigen sind, die diese Art des Problems haben. Es gab zwei Möglichkeiten:

1. Entweder, ich würde beide Hunde noch mehr einschränken, was Rechte und Bewegungsmöglichkeiten angeht. Ich würde Renfield viel räumlich trennen und mit einem Maulkorb in der Wohnung ausstatten und hinnehmen, dass beide immer einem erhöhten Stresslevel ausgesetzt sind. Würde hinnehmen, dass ich niemals davon ausgehen könnte, dass sich „dieses Problem“ erledigt, denn das hat es bei so vielen wirklich hervorragenden Hundemenschen auch nach mehreren Jahren nicht oder…

2. Ich suche für Renfield das bestmögliche Zuhause, in dem er keinerlei Möglichkeiten hat, diesem Stressfaktor ausgesetzt zu sein und ihm so auch keine „Sicherung durchbrennen“ kann.

Heute wundere ich mich, dass ich trotz Schock und entsprechendem emotionalen Zustand so sachlich meine Entscheidung treffen konnte. Ich liebe Roan und Renfield sehr. Hätte ich beide behalten, hätten sie ein Leben führen müssen, dass ich mir für keinen von ihnen wünsche. Es wäre eine egozentrische Entscheidung gewesen. Ich wollte einen Hund wie Renfield schon so lange aufnehmen. So klug, so arbeitseifrig, verkuschelt, sozial im Umgang mit fremden Hunden und Menschen und mir so über alle Maßen zugetan. Er war und ist für mich der perfekte Hund. Ein wahr gewordener Traum. Ich war so unendlich stolz, als ich mein Baby abholte und auch so stolz auf Roan in den folgenden Wochen, als er Renfield so viel Gutes beibrachte. Ich genoss das Training mit meinem Blubbchen und hatte so unheimlich viel geplant für dieses Jahr. Aber was ist das alles wert, wenn du genau weißt, dass deine Freunde ein nicht lösbares Problem miteinander haben, was sie von Monat zu Monat immer mehr stresst. Und der Gedanke, dass der eigene Hund nur bei dir selbst glücklich sein kann, ist dumm.

Um ehrlich zu sein, weiß ich gar nicht mehr, wie die letzten zwei Wochen im Detail aussahen. Meist wusste ich schon am Abend nicht mehr, was ich den Tag über getan hatte. Oftmals vergaß ich sehr viel, was mir gesagt wurde. Ich bin momentan nicht ich selbst. Entweder war ich in der Tierklinik, unternahm getrennte Spaziergänge,  lag heulend im Bett neben Renfield, der in einer großen Box liegen musste oder war am Telefon. Ich fand viel Unterstützung von Menschen, von denen ich es nie gedacht hätte und denen ich das niemals vergessen werde.

Nachdem die Entscheidung publik wurde, dass Renfield ein neues Heim sucht, meldeten sich viele Menschen. Renfield hat natürlich den Vorteil, dass er noch sehr jung ist, einer eher seltenen Rasse angehört und durch und durch ein genialer Kerl ist. Doch irgendetwas störte mich bei den Bewerbern immer und es stand außer Frage, dass Renfields neues Heim grandios sein musste.  Es kamen auch Menschen, die so vollkommen ungeeignet waren, dass ich im Anschluss in Tränen ausbrach aus Angst, ich könnte vielleicht doch die falschen wählen. Eines Abends sagte ich zu Uli, dass ich bald den Verstand verlieren würde, wenn das so weiterginge. Am nächsten Tag rief Silke an und wir telefonierten eine Weile. Sie war toll. Anschließend dachte ich lange nach und fragte mich, worauf ich denn noch warten solle. Am nächsten Morgen fragte ich sie, ob ich mit Renfield vorbei kommen könnte und so fuhren Blubbchen und ich spontan in die Nähe von Bremen. Silke und ihre Lebenssituation sind einfach perfekt und so stand sehr schnell fest, dass Blubbchen bei ihr bleiben würde. Ich glaube, dass er es kaum besser hätte treffen können und bekomme seitdem jeden Tag Nachrichten/mails/Fotos von ihm und über ihn und ich weiß, dass Silke alles dafür tut, dass er glücklich bei ihr ist. Auf den Bildern strahlt er wieder, genießt die wunderbare Landschaft dort und seinen eigenen Garten und hatte schon eine tolle erste Trainingsstunde. Die Autofahrt nach Hause war rückblickend ein Desaster. Streckenweise konnte ich die Autobahn wegen der verheulten Augen kaum erkennen und raste dennoch mit 180 Richtung Berlin.

Roan geht es mittlerweile ziemlich gut. Er musste operiert werden und hat alles hervorragend überstanden. Auch seelisch geht es ihm seit Renfields Auszug immer besser und er blüht momentan total auf. Ihn zu sehen und Silkes Berichte zu lesen, lassen mich wissen, dass ich die richtige Entscheidung für meine beiden Freunde getroffen habe. Der Kopf weiß, dass es das Richtige war, aber das Herz heilt nicht so schnell. Jeden Morgen werde ich wach und suche ihn. Vorgestern hätte ich beim Aufwachen schwören können, dass ich sein Schnaufen neben meinem Ohr höre. Wenn ich nach Hause komme, fehlt mir seine stürmische Begrüßung so sehr. Und wenn ich Roan aus dem Auto lassen will, erschrecke ich mich kurz, weil da noch jemand fehlt.

Ich denke, ab der nächsten Woche wäre Roan wieder so weit trainieren zu können, aber es grault mir so sehr vor den Fragen, die mir gestellt werden, wenn ich auf die treffe, die uns kennen. Ich habe keine Kraft mehr immer und immer wieder darüber zu reden und würde mich am liebsten in einer dunklen Ecke verstecken. Dieses Jahr werde ich auch keine Turniere mehr besuchen, da ich bei den meisten auf Renfields Mama stoßen würde und das könnte ich nicht ertragen. Da ich nur wegen Renfield mit Obedience begonnen habe, werde ich auch diesen Sport nicht mehr ausüben. Nicht nur, dass mein geliebtes Blubbchen ausgezogen ist – meine gesamte Freizeitgestaltung ist plötzlich hinfällig. Und das ist nicht gut. Denn ich sollte mich jetzt ablenken, auf andere Gedanken kommen und nach vorne schauen. So wie Hunde das tun – im Hier und Jetzt leben und nicht trauern um das, was mal war oder hätte sein können. Im Moment bin ich dazu leider nicht in der Lage. Ich fühle nur einen großen Schmerz, ein Loch, eine widerliche Stille. Ja, es ist so furchtbar still geworden. Und es ist, als würde sich die Erde ganz langsam drehen. Ich gehe wieder zur Arbeit und funktioniere dort sehr gut. Aber sobald ich zu Hause bin, breche ich wieder ein. Es fühlt sich alles so unecht an. Ich versuche möglichst viele schöne Stunden mit Roan zu verbringen – das hat er sich mehr als verdient – aber sobald er schläft und ich wieder mit meinen Gedanken alleine bin, ist dort nichts als Trauer.

Mir ist klar, dass sich das ändern wird. Ich habe in den letzten zwei Jahren zwei sehr wichtige Menschen verloren und jetzt mein Blubbchen. Das ist ganz schön viel. Ich brauche einfach noch etwas Zeit.